Ist das der Anfang vom Ende? Seit Jahren erlebt der Kinderschutzbund Essen, dass sich der Staat immer weiter daraus zurückzieht, soziale Maßnahmen zu finanzieren – selbst, wenn sie zu den staatlichen Pflichtaufgaben zählen. Jetzt hat der Paritätische Gesamtverband, dem auch der Kinderschutzbund angehört, ein internes Arbeitspapier enthüllt, das belegt: Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände diskutieren im Verborgenen – abseits der Öffentlichkeit – drastische Kürzungen im sozialen Bereich. Wenn diese Pläne Wirklichkeit werden, bedeutet dies katastrophale Einschnitte bei Leistungen für benachteiligte Kinder, Jugendliche und Familien.
Die Pläne zielen unmittelbar auf die Menschen in unserem Land und in unserer Stadt, die sowieso schon erheblich belastet sind: zum Beispiel Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, Familien mit Unterstützungsbedarf, unbegleitete minderjährig geflüchtete junge Menschen, wohnungslose junge Menschen, Pflegeeltern und Alleinerziehende. Unter anderem sieht das Arbeitspapier vor, individuelle Rechtsansprüche auf Schulbegleitung zu streichen, die Nachbetreuung junger Erwachsener aus der Jugendhilfe abzuschaffen und den Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende zu kürzen.
Auch freie Träger der Wohlfahrtspflege, wie der Kinderschutzbund Essen, wären von den geplanten Einsparungen auf dramatische Weise betroffen. Aus Sicht des Kinderschutzbundes, der seit mehr als 55 Jahren Kinder und Familien in Essen begleitet, sind die Pläne ein verheerender Kahlschlag. „Das Arbeitspapier ist ein Schlag ins Gesicht der betroffenen Menschen. Es zeugt von einer ungeheuerlichen Missachtung unseres Sozialstaates“, sagt Prof. Dr. Ulrich Spie, Vorsitzender des Kinderschutzbundes Essen.
„Wir erleben vor Ort in Essen jeden Tag auf dramatische Weise, wie hoch der Bedarf ist. Familien in Krisen, Kinder nach Gewalterfahrungen und Eltern in hoch belasteten Trennungssituationen brauchen qualifizierte Beratung und verlässliche Hilfen. Wer hier spart, verschiebt die Probleme nicht nur – er nimmt in Kauf, dass sie sich weiter zuspitzen“, so Prof. Spie.
Schon jetzt verschärft Tag für Tag ein zunehmender Kostendruck die so dringend benötigte Arbeit des Kinderschutzbundes Essen. Zudem wollen immer neue Auflagen seitens der Politik bewältigt werden, während rasant steigende Unterstützungsbedarfe bei den Familien in dieser Stadt aufgefangen werden müssen.
Dies zeigt sich beispielsweise bei den Stationären Hilfen: Die Nachfrage nach Schutzplätzen in den beiden Kindernotaufnahmen des Kinderschutzbundes Essen ist konstant hoch. Im Jahr 2025 erreichten den Ortsverband 431 Anfragen zur Inobhutnahme eines akut gefährdeten Kindes. Nur 32 Kinder konnte er aufnehmen, in 399 Fällen musste der Kinderschutzbund nein sagen – wegen fehlender Kapazitäten.
Es wird seit Jahren zunehmend schwieriger, das breite Portfolio, das den Kinderschutzbund Essen auszeichnet, aufrechtzuerhalten und gleichzeitig wichtige neue Projekte wie den Bau eines neuen Kinderschutzhauses für Essen voranzutreiben. Weitere Kürzungen der Finanzen in der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Eingliederungshilfe, wie sie das Arbeitspapier vorsieht, würden das Leben vieler Kinder und Familien massiv verschlechtern.
Deshalb stellt sich der Kinderschutzbund Essen an die Seite des Paritätischen und des Deutschen Kinderschutzbundes. Gemeinsam mit den beiden Bundesverbänden drängt auch der Essener Kinderschutzbund auf die Überarbeitung des Arbeitspapieres. „Die verheerenden Pläne dürfen nicht Wirklichkeit werden. Sie gefährden den sozialen Frieden in dieser Stadt und unserem Land“, sagt Prof. Spie.
Das Arbeitspapier – zusammen mit einer detaillierten fachpolitischen Einordnung und Bewertung von 25 exemplarisch ausgewählten Vorschlägen durch den Paritätischen Gesamtverband – kann hier abgerufen werden: www.der-paritaetische.de/enthuellung-kahlschlag